Petr Brod: Tausend Jahre gemeinsamer Geschichte
Die Studenten Hana Zecková, Jiří Koutecký, Martin Kružica, Vít Pejchal, David Hejna, Adéla Nerglová,
Šarka Charová, Martina Hellerová und Miroslava Puszkarová aus dem Lehrstuhl für Germanistik der
Philosophischen Fakultät der J.E. Purkyne Universität in Ústí nad Labem haben den Text übersetzt.
Der Text wurde im Rahmen eines Übersetzungsseminar übersetzt, der von Franziska Görmar geleitet wurde.
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Wenn heute in der tschechischen Öffentlichkeit, in den Medien oder den Schulen über die Deutschen, über Deutschland oder über Themen gesprochen wird, die mit der deutschen Problematik zusammenhängen, kommt die Sprache zumeist auf die Ereignisse des dramatischen zwanzigsten Jahrhunderts, auf Geschehnisse, die für Beteiligte und Zeitzeugen häufig schmerzhaft waren. In nicht unbeträchtlichem Ausmaß wenden wir uns auch dem gegenwärtigen Deutschland zu - unserem größten Nachbarn, unserem größten Handelspartner, Verbündetem in der Nordatlantischen Allianz und in der Europäischen Union sowie gewissermaßen Motor der tschechischen Wirtschaft.
Rückblicke in die Geschichte Deutschlands und der deutsch-tschechischen Beziehungen werden häufig durch Jahrestage ausgelöst – erinnert sei nur an das Gedenken zum 17. November, der für die heutige Generation eher mit der Samtenen Revolution verknüpft ist. Ein bewusster Interpret dieses historischen Meilensteins wird jedoch nicht vergessen, den Ursprung dieses Jahrestags im Widerstand der tschechischen Öffentlichkeit gegen den Nationalsozialismus im Jahr 1939 zu erwähnen. Nationalsozialismus, Münchner Abkommen, Okkupation, Protektorat, Widerstand, Kollaboration, Befreiung, Beneš-Dekrete, Vertreibung - diese Begriffe sind bis heute im Bewusstsein der Menschen in Tschechien lebendig, auch wenn es sich für die heutige Schülergeneration um Ereignisse einer weit entfernten Vergangenheit handelt.
Noch entfernter erscheint uns da alles, was die tschechisch-deutschen Beziehungen in der Zeit vor Hitler bestimmte. Dabei trifft der aufmerksame Beobachter in Böhmen und Mähren fast bei jedem Schritt auf Spuren deutscher Gegenwart. In einigen Winkeln der Prager Kleinseite finden sich noch heute zweisprachige Straßenschilder aus dem 19. Jahrhundert. Eine genauere Analyse eines beliebigen tschechischen Telefonbuchs oder nur der flüchtige Blick auf die tschechische Politik-Szene der Vergangenheit und Gegenwart zeigt, dass fast ein Fünftel der tschechischen Familiennamen deutschen Ursprungs ist (man nehme etwa die Politiker Gottwald, Klaus, Gross oder Dienstbier). Aus der Literaturgeschichte erfahren wir, dass der junge Karel Hynek Mácha, die größte Gestalt aus den Anfängen der modernen tschechischen Poesie, seine ersten romantischen Verse auf Deutsch schrieb und dass der in der Welt berühmteste Autor dieses Gebiets der deutsch schreibende Prager Jude Franz Kafka ist. Die Wurzeln dieser Erscheinungen kennen wir zu einem großen Teil allerdings nicht. Nur wenig wissen wir darüber, dass bis zum Jahr 1946, als ein beträchtlicher Teil der deutschen Minderheit aus der Tschechoslowakei nach Deutschland und Österreich abgeschoben wurde, die deutsche Bevölkerung jahrhundertelang ein bedeutender Bestandteil der Bevölkerung des historischen Raums der Länder der böhmischen Krone gewesen war. Bis die Habsburger im 18. Jahrhundert einen großen Teil Schlesiens verloren, gab es Zeiten, da das Zahlenverhältnis zwischen Tschechen und Deutschen in den historischen Ländern der böhmischen Krone ausgeglichen war.
Die Gegenwart der Deutschen in diesem Gebiet reicht bis zu den Anfängen des tschechischen Staates und wenn wir in Betracht ziehen, dass es auch in der heutigen Tschechischen Republik eine kleine deutsche nationale Minderheit gibt und dass hier abermals aus unterschiedlichsten Gründen Tausende deutsche Staatsbürger leben, kann man sagen, dass Deutsche im tschechischen Raum ununterbrochen schon annähernd tausend Jahre leben. Im Zusammenhang mit der Art und Weise, wie sich das demokratische Tschechien mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt und seine Beziehungen zum demokratischen Deutschland verbessert, stellt das aktive Interesse an diesem Phänomen den immer noch selbstverständlicheren Teil des allgemeinen Überblicks über die mitteleuropäische Geschichte dar und zieht die Aufmerksamkeit von Teilen der jungen Generation nach sich. Zu den Ergebnissen dieser Entwicklung gehört auch die Gründung des Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem (Aussig), dessen wichtigste Aufgabe in der Erarbeitung einer ständigen Ausstellung über die Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern besteht. Bestandteil dieser Tätigkeit sind auch Begleitprogramme, die über den Schulunterricht oder andere Mittel das allgemeine Bewusstsein und Wissen über das Zusammenleben der Tschechen und Deutschen im gemeinsamen historischen Raum verbessern sollen - ein Zusammenleben, das häufig gespannt, aber manches Mal produktiv und für beide Seiten bereichernd war.
Es kann nicht geleugnet werden, dass dort, wo sich später (etwa im 6. Jh. n. Chr.) die slawischen Stämme niederließen, aus denen die tschechische Nation entstand, zuvor die germanischen Stämme der Markomannen und Quaden gesiedelt hatten und dass während der sog. Völkerwanderung wahrscheinlich auch andere mit ihnen verwandte Stämme durch dieses Gebiet gezogen waren.
Das führte nationalistische deutsche Historiker im 19. und 20. Jahrhundert zu der Behauptung, dass Böhmen, Mähren und Schlesien zu den ersten Siedlungsgebieten der Germanen gehörten und dass diese Region also natürlicher und ewiger Bestandteil des deutschen Lebensraumes sei, in dem das deutsche Element einen Vorrang und Sonderrechte einnehmen sollte. Dies werde auch durch die lange Zugehörigkeit des böhmischen Staates zu dem Staatsgebilde unterstrichen, das im späteren Mittelalter Heiliges Römisches Reich genannt wurde und dessen territoriales Zentrum „Germania“ (d. h. die deutschsprachigen Gebiete Mitteleuropas) umfasste.
Dagegen gab es selbstverständlich Widerspruch von Seiten tschechischer Historiker und Publizisten, die ein germanisch-deutsches Primat in den böhmischen Ländern mit der Begründung ablehnten, die deutsche Bevölkerung sei erst relativ spät in Folge der deutschen Kolonisierung östlich der ursprünglichen Grenzen der „Germania“ auf böhmischem Gebiet aufgetreten.
Das Bedürfnis einiger Schichten der tschechischen Intelligenz zur Zeit der Nationalen Wiedergeburt, das hohe geistige und kulturelle Niveau der alten Slawen in Böhmen und Mähren zu beweisen und damit ihre Gleichberechtigung mit der Kultur des germanischen Westens zu bestätigen, war so ausgeprägt, dass es zu heute schwer nachvollziehbaren Erscheinungsformen führte wie z. B. Dokumentenfälschungen (Königinhofer und Grünberger Handschrift).
Der Begründer der modernen tschechischen Geschichtsschreibung František Palacký stellte dann die Auseinandersetzung der germanischen und slawischen Elemente auf dem Gebiet des tschechischen Staates ins Zentrum seiner Konzeption der böhmischen Geschichte und sprach den Slawen in der tschechischen Geschichte das Recht des Erstgeborenen auf diesem Gebiet zu. (Die vehemente Debatte und tschechische Ablehnung des deutschen Anspruchs auf das Primat sollten nicht die Möglichkeit verschleiern, dass die ersten slawischen Stämme, die sich auf dem später böhmischen Gebiet niederließen, Überresten der germanischen Bevölkerung begegneten und sich eventuell mit ihnen vermischten. Der mährisch-deutsche Historiker Berthold Bretholz vertrat folgerichtig die These von der Kontinuität der germanischen Besiedlung in den böhmischen Ländern vom Beginn der „Völkerwanderung“ in spätrömischer Zeit und erregte damit den Widerstand bedeutender tschechischer Historiker wie Josef Pekař und Josef Šusta.)
Die geographische Lage des mittelalterlichen böhmischen Staates, zuerst des Fürstentums und dann des Königreichs, provozierte zahlreiche Kontakte und Konflikte mit dem Frankenreich und seinem Nachfolger, dem Römischen Reich. (Wir erinnern uns an einen der ersten bedeutenden und schriftlich festgehaltenen Kontakte dieser Art – die Taufe von 14 böhmischen „Fürsten“, die zu Beginn des Jahres 814 in Regensburg erfolgte.) Deutsche haben sich offenkundig auch am Fernhandel über die böhmischen Länder beteiligt, worűber der aus dem spanischen Cordoba stammende jüdische Diplomat Ibrahim ibn Jakub im ältesten erhaltenen Dokument über die Stadt Prag (ca. 965) schrieb. Schon im elften Jahrhundert existierte in der Nähe des Prager Stadtkerns an dem Ort, der bis heute als Na poříčí (Am Fluss) bekannt ist, eine deutsche Siedlung. Die kirchliche Organisation in Böhmen und Mähren unterstand vom 10. Jahrhundert bis zur Gründung des Erzbistums Prag im 14.Jahrhundert dem Erzbistum Mainz. Die wichtigste politische Bindung zwischen Tschechen und Deutschen stellte wohl aber jahrhundertelang die staatsrechtliche Beziehung zwischen dem böhmischen Staat und dem Heiligen Römischen Reich (das in der frühen Neuzeit den Zusatz „deutscher Nation“ erhielt) dar. Die Gestalt dieser Beziehung und ihre Entwicklung waren sehr kompliziert und sie sind bis heute Gegenstand von Debatten zwischen Historikern. Manche meinen, dass die Länder der böhmischen Krone genauso zum Reich zählten wie die anderen der Autorität des römisch-deutschen Königs bzw. Kaisers und Reichstags unterliegenden weltlichen und kirchlichen Staaten. Andere Fachleute betonen, dass der böhmische Staat Reichsgebiet sui generis war –– also eine Sonderstellung hatte, die mit der Situation in anderen Reischgebieten nicht vergleichbar war. Und schliesslich gibt es Geschichtsforscher, welche die Unterordnung der bömischen Krone unter die Reichsautorität lediglich als Formalität ansehen und behaupten, dass der böhmische Herrscher in seinem Staat gänzlich souverän gewesen sei. Dabei muss man erwähnen, dass einer der wichtigsten Punkte in den Beziehungen zwischen den Ländern der Böhmischen Krone und dem Reich die ständige Mitgliedschaft des böhmischen Herrschers im Kreis der Kurfürsten, der Wähler des deutschen Königs (und damit indirekt des römischen Kaisers), war.
Diese Mitgliedschaft war jedoch oftmals durch die Personalunion (die Ausübung von zwei Monarchenämtern durch eine Person) des böhmischen Herrschers mit dem Reichsoberhaupt kompliziert (etwa unter der Herrschaft Karl IV. und unter den Habsburgern). Der rechtsstaatliche Verband zwischen den böhmischen Ländern und dem Reich endete infolge der Napoleonischen Kriege und der Bildung des österreichischen Kaiserreichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber noch 130 Jahre später haben die Nationalsozialisten diese Verbindung als Argument benutzt, um das tschechischsprachige Gebiet unter deutsche Herrschaft zu unterwerfen und das sog. Protektorat Böhmen und Mähren zu gründen.
Ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der deutsch-tschechischen Beziehungen, dessen Folgen die gesamte demographische, politische, wirtschaftliche, geistliche und kulturelle Entwicklung der böhmischen Länder bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts beeinflusste, war die Besiedlung des böhmischen und mährischen Grenzgebiets von Einwohnern, die aus verschiedenen deutschsprachigen Gebieten des Römischen Reiches kamen. (Diese Heterogenität hat sich bis zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Jahre 1945 in den unterschiedlichen regionalen Mundarten und Bräuchen widergespiegelt. Der Begriff „Sudetendeutsche“, der sich als Sammelbezeichnung für die Deutschen in den böhmischen Ländern eingebürgert hat, wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt und hatte politischen Charakter. Dieser hat die heterogene Herkunft der Deutschböhmen im Interesse der Durchsetzung von Forderungen ignoriert, die zuerst ihre Stellung in Österreich und später in der Tschechoslowakei betrafen. Auch nach der Vertreibung und bis in die heutige Zeit trat und tritt ein Teil der Deutschen aus den böhmischen Ländern, die in Deutschland und Österreich unter dieser Bezeichnung lebten und leben, als Verteidiger ihrer Positionen gegenüber dem tschechoslowakischen und tschechischen Staat auf.) Veränderungen in der Besiedlung der böhmischen Kronländer (einschließlich Schlesiens, das wegen der besonders komplizierten Entwicklung außer Acht gelassen wird ) geschahen in Folge von zwei historischen Erscheinungen – einerseits der Bemühungen der böhmischen Herrscher um die Entwicklung jener Teile ihrer Territorien, die bis zu dieser Zeit nur dünn besiedelt waren (wie die Gebiete der Grenzwälder) und deswegen nicht genug zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Steueraufkommen beigetragen hatten, und andererseits der Bewegung deutschsprachiger Gruppen über die Grenzen „Germanias“ in östlicher Richtung. Die erste Erscheinung wird bisweilen als innere Kolonisierung bezeichnet, während die zweite als deutsche Ostkolonisation bekannt ist. Im Falle der böhmischen Länder hat sich die Notwendigkeit, die Grenzgebiete an die wirtschaftliche Entwicklung anzuschließen (es ging zum Beispiel um den Abbau von Kohle und Eisenerz, worin der deutschsprachige Teil Europas fortschrittlicher war), mit der Nähe des Reiches verbunden, wo man die benötigten Arbeitskräfte rekrutieren konnte.
Die deutsche Besiedlung der Grenzgebiete in Böhmen und Mähren hatte im 12. Jahrhundert begonnen und wurde im folgenden Jahrhundert verstärkt, als Přemysl Otakar II. die deutschen Ansiedler in sein Königreich und die Markgrafschaft einlud. Die Migration deutschsprachiger Menschen in die böhmischen Länder setzte sich in den folgenden Jahrhunderten fort und hat auch die großen Städte erreicht, was etwa in der Prager Altstadt zur Überzahl des deutschen Patriziats über das tschechische geführt hat. Der deutsche Einfluss in den Städten hat sich unter anderem auch so ausgewirkt, dass auch Städte im Binnenland das Stadtrecht in Formen angenommen haben, die im Reich üblich waren, oder danach gegründet wurden. Von großer Bedeutung war in den Anfängen des böhmischen Staates auch die Rolle der Geistlichen aus dem Reich beim Aufbau der kirchlichen Verwaltung. Eine Reihe von Ehefrauen der Přemysliden kam aus dem Reich und mit ihnen kamen in die böhmische Umgebung auch Elemente der höfischen Kultur aus dem Westen. Später, nach der Gründung der Prager Universität im 14. Jahrhundert kamen viele Studenten aus dem Reich in die Hauptstadt (die an der Hochschule die sog. bayerische und sächsische Nation bildeten). Das Bewusstsein, dass die Deutschen in den böhmischen Ländern überwiegend Nachkommen von Einwanderern aus dem Reich waren, hat sich bis in unsere Zeit gehalten und hat manchmal zu der Meinung geführt, dass die Deutschen einen Gästestatus auf primär tschechischem Gebiet haben. Noch Tomáš Garrigue Masaryk begegnete kurz nach der Entstehung der Tschechoslowakei deutschen Vorbehalten gegen den neuen Staat mit dem Hinweis, dass die Deutschen seinerzeit als Kolonisten gekommen waren. Die sudentendeutsche Publizistik zitiert diese Aussage bis heute als Beweis dafür, dass die Tschechen die Deutschen nicht als gleichberechtigte Einwohner des Landes akzeptieren wollten, die ebenso verwurzelt in diesem Gebiet waren wie sie.
Hart geprüft wurde das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in der Zeit der Hussitenkriege. Die spätere nationalistische Historiographie (und auch auf sie folgende kommunistische Historiker und Publizisten) sah in diesen Kämpfen auch einen Nationalitätenkonflikt, aber die gegenwärtige Wissenschaft entfernt sich von diesen Ansichten und betont, dass die konfesionellen Streitigkeiten sich nicht mit den Nationalitätengrenzen deckten. Die Grenze zwischen beiden Nationalitäten war nie undurchlässig – das gilt für den gesamten Zeitraum des Zusammenlebens der beiden Sprachgruppen im böhmisch-mährischen Raum. Während eines Jahrtausends kam es zur Vermischung und zu vielfältigen Übertritten zur ,,andere Seite“. In den Urbarien und anderen Einwohnerlisten erscheinen in der Zeit, als sich die Nachnamen der Untertanen verfestigen (17. Jh.), auch in der tschechisch sprechenden Provinz deutsche Nachnamen. Betrachtet man diese Problematik von der anderen Seite, finden sich z. B. unter den sudetendeutschen Politikern des 20. Jahrhunderts welche, die einen tschechischen Nachnamen tragen (z. B. der Minister der tschechoslowakischen Regierung Franz Spina) oder die tschechische Vorfahren haben (die Mutter des radikalen sudetendeutschen Politikers Konrad Henlein hieß Hedvika Dvořáčková). Für manche Bevölkerungsgruppen der böhmischen Länder wurde vor allem im 19. Jahrhundert, zur Zeit des wachsenden Nationalismus, die nationale Unentschlossenheit in Verbindung mit dem Bilinguismus zur typischen Eigenschaft. Das zählt v. a. für Teile der Stadtbevölkerung, den Adel und die Juden. Für diese Erscheinung entstand die Bezeichnung (National-) „Utraquismus“, in Anlehnung an das hussitische Abendmahl „in beiderlei Gestalt“. Die Hussiten wollten im Gottesdienst die symbolische Aufnahme von Christi Leib und Blut durch alle Gläubigen durchsetzen, die Nationalutraquisten wollten beide Landessprachen benutzen und lehnten eine eindeutige Teilung der Gesellschaft der böhmischen Länder in zwei Nationalgruppen ab. Eines der Bollwerke dieses programmatischen Utraquismus war z.B. bis 1918 die Prager Handelskammer.
Die gesamte Entwicklung der Nationalitäten in den Ländern der böhmischen Krone von der Zeit der Hussitenkriege bis zur Nationalen Wiedergeburt zu Beginn des 19. Jahrhunderts war sehr kompliziert und kann deswegen nicht Gegenstand dieser Überlegungen sein. Sie wurde v.a. durch den Dreißigjährigen Krieg und seine demographischen Ergebnisse und den Verlust des größten Teils Schlesiens in den preußisch-österreichischen Kriegen des 18. Jahrhunderts beeinflusst. Erst nach der Annexion bedeutender Teile Schlesiens durch Preußen können wir in den Ländern der böhmischen Krone von einer tschechischen Mehrheit sprechen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Tschechen die politische Dominanz innegehabt hätten, die sich etwa in der Hauptstadt des Königreichs erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergab. Das alles wurde durch die Modernisierungsbemühungen der Habsburger im 18. Jahrhundert noch komplizierter, zu deren Begleiterscheinungen die Germanisierung des öffentlichen Lebens gehörte. So wurde etwa im universitären Bereich Latein als Unterrichtssprache durch das Deutsche ersetzt und Kaiser Josef II. ordnete an, dass jüdische Gemeinden ihre Geschäfte in deutscher Sprache führen sollten und Deutsch die Unterrichtssprache an jüdischen Schulen sein sollte. (Dies bestimmte in bedeutendem Umfang bis zur Zeit der ersten tschechoslowakischen Republik die sprachliche Identität der Juden zwischen beiden nationalen Gruppen.)
Im Großen und Ganzen haben sich die nationalen Verhältnisse in den böhmischen Ländern im 18. Jahrhundert dergestalt gefestigt, wie wir sie aus ethnografischen Karten des 19. und 20. Jahrhunderts kennen. Auf Grundlage dieser Karten teilten Nationalsozialisten nach 1938 das Land in ein sudetendeutsches Gebiet (das zum „Großdeutschen Reich“ gehörte) und das Protektorat Böhmen und Mähren. (Diese Karten zeigen zum Beispiel, dass die Sprachgrenze in Nordböhmen in der Nähe von Litoměřice /Leitmeritz/, also realtiv nah bei Prag, verläuft und dass das Gebiet um Jihlava /Iglau/ eine deutsche Spachinsel bildet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen solche Karten im Umfeld sudentendeutscher Vertriebener ikonischen Charakter und wurden als Symbol für die verlorene Heimat angesehen - eine findet man etwa eingelassen in den Marmorfußboden der Eingangshalle des Sudetendeutschen Hauses in München.)
Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der Aufklärung, der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege, des Zerfalls des alten Römischen Reiches, der Entstehung des österreichischen Kaisertums und der reaktionären Regierung Metternichs, kam es zu einem weiteren bedeutenden Umbruch in der Geschichte des tschechisch-deutschen Zusammenlebens. Die Ära der Romantik, verbunden mit verstärkter Suche nach tragfähigen historischen Traditionen für die sich neu bildenden Nationen, brach heran. Mit einer gewissen Verspätung gegenüber Westeuropa traf dieses Bestreben auch die böhmischen Kronländer. Die tschechische Intelligenz formte die Grundlagen der Nationalen Wiedergeburt und bediente sich dabei häufig der deutschen Sprache. Die Zeit der Unterdrückung des Tschechischen im öffentlichen Leben (die z.B. von Alois Jirásek als „dunkle“ Zeit - Temno - beschrieben wurde, wohingegen einige Literaturkritiker auf die Bedeutung der tschechischen barocken Literatur verweisen) ist vorbei und eine neuzeitliche tschechische Nation entsteht, welche sich hauptsächlich gegenüber allem Deutschen abgrenzt. František Palacký widmet diesem Volk sein Werk Geschichte von Böhmen, dessen erste Teile in Deutsch erschienen und dessen Hauptgedanke der angeblich uralte Zwist zwischen Tschechen und Deutschen ist. Mit den Worten des späteren Historikers Josef Pekař geht es um den Zusammenstoß zweier Welten – der demokratischen slawischen Welt, in welcher Freiheit, Friede und das Gute vorherrschen, und der feudalen germanischen Welt, die durch Gewalt und Unterdrückung gekennzeichnet ist. Diese erste Zeit der nationalen Bemühungen gipfelt in der Revolution von 1848/49, in welcher die tschechische politische Elite, auch durch Palacký (Brief an die Frankfurter Versammlung), das Konzept einer eigenständigen tschechischen Nation im Rahmen einer reformierten Habsburger Monarchie formuliert, einer Nation, die natürlich die Erfüllung ihrer Hoffnungen im Rahmen der Länder der böhmischen Krone erwartet und jegliche staatsrechtliche Verbindung mit Konstrukten ablehnt, deren Kern deutschsprachige Gebiete außerhalb der österreichischen Erblande wären.
Das 19. Jahrhundert, das manchmal bei Historikern als „lang“ dargestellt wird, also von der Französischen Revolution im Jahr 1798 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914, ist eine Zeit sozialer Veränderungen, die auch die böhmischen Länder in bedeutendem Maße betreffen. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts ist geprägt von der Entstehung des modernen Nationalismus, wobei beide nationale Gesellschaften sich ihrer Identität immer stärker bewusst werden. Die Bemühungen ihre Positionen zu festigen verbunden mit einer allmählichen Zunahme des Parlamentarismus, von Verfassungsordnungen und der Entstehung politischer Parteien waren Teil des politischen Kampfes in einem Staat, in dem es mit fortschreitender Ausweitung des Wahlrechts zur Ausbildung von Elementen der Massendemokratie kam. Zur gleichen Zeit verlief in den Ländern der böhmischen Krone die Industrialisierung, die sowohl das tschechische Binnenland als auch die Grenzgebiete veränderte. Das Gebiet, das später Sudetenland genannt wird, ist ein wichtiges Zentrum des Bergbaus und der Industrie, vor allem der Maschinenbau-, Textil- und Glasindustrie. (Das hat auch demografische Auswirkungen, da viele Tschechen aus dem Binnenland in die deutschen Regionen ziehen, um dort zu arbeiten. Manche assimilieren sich dort mit der deutschen Bevölkerung, andere aber wollen zum Beispiel tschechische Schulen gründen. Der Kampf um den Sprachcharakter der Schulen in gemischten Gebieten ist ein wichtiger Zug der Nationalitätenkonflikte des 19. Jahrhunderts.) Die Industrialisierung hatte viele politische Auswirkungen, wie die Entstehung einer starken Arbeiterbewegung. In Böhmen blieben aber trotz eines proklamierten Internationalismus die sozialdemokratischen Parteien nach Nationalitäten getrennt. (Nur die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei, die im Jahre 1920 gegründet wurde, war entschieden übernational.) Das hohe Niveau der Industrie in den tschechischen Grenzgebieten hatte im 20. Jahrhundert bedeutenden politischen Einfluss auf das Schicksal des tschechoslowakischen Staates. Nach dem ersten Weltkrieg argumentierte seine Elite auch mit der komplementären Struktur und Verknüpfung der Ökonomien der tschechischen Grenzgebiete und des Binnenlands gegen die Bemühungen deutschen Politiker, die deutschsprachigen Grenzgebiete von der entstehenden tschechoslowakischen Republik abzutrennen. Zehn Jahre später führten die globale Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen auf die Industrie in den Sudetengebieten sowie die aus deutscher Sicht unzureichende Reaktion des Staates auf die Folgen der Krise, die als absichtliche Diskriminierung der dortigen Bevölkerung verstanden wurde, zu einer Abwendung wesentlicher Teile der Sudetendeutschen von der Republik und zum Wachstum der Henlein-Bewegung, die mit dem Nationalsozialismus sympathisierte.
Während am Ende des 19. Jahrhunderts die staatsrechtlichen und sprachlichen Konflikte zwischen Tschechen und Deutschen in Österreich (Entstehung der jungtschechischen Partei, ökonomischer Nationalsozialismus ausgedrückt durch das Stichwort „Jedem das Seine“, Unruhe wegen der sprachlichen Maßnahmen der Baden-Regierung usw.) zunehmen, forderten auf deutscher Seite nur die extremen Stimmen (wie zum Beispiel der alldeutsch und antihabsburgisch eingestellte Georg von Schönerer, Abgeordneter des Reichsrats aus Cheb /Eger/) eine radikale Lösung des tschechisch-deutschen und ähnlicher Konflikte durch eine Vereinigung aller deutschsprachigen Gebiete Mitteleuropas zu einem einzigen Staat. Für die tschechischen politischen Eliten, ab einem gewissen Zeitpunkt mit Ausnahme Masaryks und seiner Befürworter, bildete fast bis zum Ende des Ersten Weltkriegs die österreichische Monarchie den Rahmen, in dem ein tschechisches politisches Gebilde autonom existieren könnte. Der allgemeine Zerfall Österreich-Ungarns in Folge der militärischen Niederlagen und der Kriegsmüdigkeit bewegte alle heimischen politischen Kräfte zur Übernahme einer Konzeption der völligen tschechoslowakischen Unabhängigkeit, wie sie T. G. Masaryk mit seinen Mitarbeitern im Exil ausgearbeitet hatte.
Viele politische Repräsentanten der deutschen Gebiete der böhmischen Länder empfanden diese Vision als Bedrohung der Zukunft der Bewohner, die sie vertraten. Zum ersten Mal konnten sie mit der tschechischen Dominanz in dem neuen Staat rechnen und deshalb befürworteten sie die Politik des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der allen Nationalitäten Mittel- und Osteuropas das Recht auf Selbstbestimmung zusagte. Unter Berufung auf dieses Prinzip versuchte die politische und administrative Vertretung der „tschechischen Deutschen“ (bestehend aus den Abgeordneten des Reichsrats, einschließlich der Sozialdemokraten, und aus Regional- und Lokalpolitikern und -beamten) vom Ende des Jahres 1918 bis zum folgenden Frühjahr die Grenzgebiete abzutrennen und sie entweder mit einer deutsch-österreichischen Föderation (deren Entstehung die siegreichen Alliierten verboten) oder mit dem entstehenden Staat Deutschösterreich, der späteren ersten österreichischen Republik, zu verbinden. Diese Bemühungen wurden, teilweise mit militärischer Gewalt, durch die neue tschechoslowakische Staatsmacht beendet, der die Alliierten das Recht auf die historischen Grenzen der Länder der böhmischen Krone zuerkannten. Die Konflikte zwischen bewaffneten tschechoslowakischen Kräften und deutschen Demonstranten verliefen nicht ohne Todesopfer, an welche die Sudentendeutschen bis heute erinnern. Märtyrer des sudetendeutschen Kampfes für die Freiheit werden zum Beispiel die 20 Einwohner von Kadaň /Kaaden/ genannt, die am 4. März 1919 bei einem Zusammenstoß mit der tschechoslowakischen Armee starben.
Krisen in Deutschland und Österreich trugen gemeinsam mit den relativ ruhigen Verhältnissen in der Tschechoslowakei in den 20er Jahren dazu bei, dass sich die Mehrheit der Deutschen in dem tschechoslowakischen Staat mit den neuen Verhältnissen versöhnte. Ausnahme bildeten die Anhänger der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP) und der Deutschen Nationalpartei (DNP), die mit der nazistischen Bewegung in der Weimarer Republik verbunden waren. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre traten die größten deutschen politischen Parteien (Christdemokraten, Bund der Landwirte und Sozialdemokraten) den Koalitionsregierungen in Prag bei und beteiligten sich somit an der Regierungsarbeit. Diese Parteien repräsentierten den sog. Aktivismus, also das Bemühen, mittels eigener Beteiligung am politischen System die Position der deutschen Gebiete in der Tschechoslowakei zu verbessern. Die Politik ihrer Gegner, der sog. Negativisten, setzte seit 1933, nach dem Verbot der DNSAP und DNP, die neue sog. Sudetendeutsche Heimatsfront (SHF) fort, obwohl auch sie am Anfang behauptete, dass sie den tschechoslowakischen Staat nicht ablehne, und sich von den autoritären Bewegungen in Deutschland und Italien distanzierte. Unter der Leitung von Konrad Henlein wandelte sich die Front zur Sudetendeutschen Partei (SdP). Diese gewann in der Zeit der Not nach der Weltwirtschaftskrise und vor dem Hintergrund der wachsenden Macht Nazi-Deutschlands im Jahre 1935 die Parlamentswahlen, als sie stärkste politische Kraft in der Tschechoslowakei wurde. In Opposition zur Regierungskoalition vertrat die SdP nun totalitäre Positionen unter ihrem „Führer“ Henlein, bis sie sich im Frühjahr 1938 offen zur Ideologie der Nationalsozialisten im Reich bekannte. Zu jener Zeit verloren die anderen deutschen politischen Parteien in der Tschechoslowakei, bis auf die Sozialdemokraten, schon jedwede Bedeutung.
Im Jahr 1938 wurde unter Druck Nazi-Deutschlands das innenpolitische Problem des deutsch-tschechischen Verhältnisses innerhalb der Republik zum Gegenstand internationaler Politik und Verhandlungen. Die weitere Entwicklung ist auch heutigen Generationen ziemlich gut bekannt, unter anderem weil die unmittelbaren Zeitzeugen noch leben. Danach folgte das Abkommen der Großmächte in München, das zum Anschluss der Grenzgebiete Böhmens und Mährens an das Dritte Reich führte, die Entstehung der Zweiten Republik, die ihr politisches System dem deutschen Muster anpasste, und schließlich die Annexion des Rests von Böhmen und Mähren und seine Verwandlung in ein formal autonomes Protektorat des Reichs. Die brutale nationalsozialistische Besetzung und die überwiegend zustimmenden Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf das Vorgehen der Reichsleitung (hier ist zu erwähnen, dass sich die Stimmung der sudetendeutschen Bevölkerung während des Krieges bedeutend änderte) führten im Milieu des tschechischen Widerstands bald zur Schlussfolgerung, dass in einem befreiten tschechoslowakischen Staat das weitere Zusammenleben beider Nationalitäten nicht möglich sei und es nötig werde, die beiden zu trennen, entweder durch Abtretung eines Teils des Staatsgebiets, eine Abschiebung der deutschen Bevölkerung oder eine Kombination beider Maßnahmen. Über mehrere Zwischenstufen in den Überlegungen der Exilregierung von Präsident Edvard Beneš entwickelte sich aus diesen Meinungen die Überzeugung von der notwendigen Abschiebung (Zwangsaussiedlung/ Transfer/ Vertreibung) eines möglichst großen Teils der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei nach Deutschland und Österreich. Diese These wurde in den gesetzlichen Normen der Exilregierung verankert (den sog. Beneš-Dekreten), die später von der Nationalversammlung sanktioniert und von den Siegermächten im Potsdamer Abkommen unterstützt wurden, das der Vertreibung der deutschen Minderheiten aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und aus der Tschechoslowakei zustimmte. Das Nationalitäten-Problem in der Tschechoslowakei wurde, zumindest was die nicht-slawische Bevölkerung angeht, durch die Zwangsaussiedlung von mehr als drei Millionen Deutschen in den Jahren 1945/46 – in den Worten von Edvard Beneš – „liquidiert“. (Die Grundlage dieser geschichtlichen Ereignisse und die Tatsache, dass Gräueltaten seitens der Tschechen diesen Prozess begleiteten, waren schon seit Ende der 40er Jahre Thema von Debatten im tschechoslowakischen Exil und seit dem Fall des Kommunismus auch in der tschechischen Öffentlichkeit.)
In der Tschechoslowakei, die 1948 ein kommunistisches Land und Teil des sowjetischen Blocks wurde, blieb eine kleine, in der Öffentlichkeit zuerst fast unsichtbare deutsche Minderheit. Ihre Größe bewegte sich in der Größenordnung von ein paar Zehntausend (geschätzt wird, dass im Jahr 1948 190 000 Deutsche in der Tschechoslowakei lebten, aber die Zahl sank in späteren Jahren aufgrund der Assimilation und einer Erleichterung der Migration nach Westdeutschland in den 60er Jahren). Unter ihnen waren Menschen, die aus eigener Entscheidung blieben, aber auch solche, deren Ausreise verhindert wurde, weil sie als unabkömmlich für manche Wirtschaftsbereiche galten. Ein großer Teil der Deutschen bekannte sich bei einer Volkszählung aus verschiedenen Gründen nicht zu seiner Nationalität, die Minderheit war verfassungsgemäß nicht anerkannt und nach dem Krieg geborene Nachkommen von deutschen Familien gingen aufgrund fehlender deutscher Schulen sprachlich in der Bevölkerung auf. Erst in den 50er Jahren wurde den verbliebenen Deutschen das Staatsbürgerrecht und in begrenztem Maße eine Möglichkeit der kulturellen Betätigung zurückgegeben. Wichtigster Ausdruck ihrer Existenz wurde die Zeitung Aufbau und Frieden, später Prager Volkszeitung. Die begrenzte Liberalisierung, die mit den unvollendeten Reformen des Prager Frühlings im Jahr 1968 verbunden ist, brachte auch den Deutschen in der Tschechoslowakei eine gewisse Verbesserung unrer Lage – die Minderheit wurde offiziell anerkannt und konnte eine erste Organisation mit größerer Bedeutung, den Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität, bilden. Dieser war aber ebenso wie andere Mitglieder der Nationalen Front der Politik der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei verpflichtet.
Während die kommunistische DDR politisch als Modell eines richtigen Deutschtums präsentiert wurde und die tschechoslowakische Propaganda Westdeutschland bis zu Brandts neuer Ostpolitik überwiegend als aggressiven imperialistischen Staat und Hort des Revanchismus charakterisierte, durfte seit den 60er Jahren auch an die deutsche kulturelle Vergangenheit der tschechischen Länder erinnert werden. Zumeist geschah dies im Rahmen der marxistischen Terminologie und mit Betonung der antifaschistischen Traditionen, trotzdem gelang es mit der Zeit, die Werke solcher Persönlichkeiten wie Rainer Maria Rilke, Gustav Mahler, Franz Kafka und Franz Werfel zu integrieren. Das war der Verdienst einer Reihe von Germanisten, Experten aus anderen Bereichen und Publizisten wie Eduard Goldstücker, Pavel Trost, Kurt Krolop, Lenka Reinerová und Lev Brod.
Das Interesse an der deutschen kulturellen Tradition und damit indirekt an der Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern erwachte nach dem Fall des kommunistischen Regimes von neuem. Dieses Interesse hat einerseits kommerzielle Aspekte (wie es etwa bei der Verwendung von allem, was mit Franz Kafka zusammenhängt, sichtbar wird), führte aber andererseits auch zur Gründung von einigen Institutionen und Projekten, die sich systematisch der Untersuchung und der Popularisierung des deutschen Beitrags zur Geschichte der Länder der böhmischen Krone widmen (Franz-Kafka-Gesellschaft, Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, Vitalis-Verlag, Collegium Bohemicum, Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur am Lehrstuhl für Germanistik der philosophischen Fakultät der Palacký-Universität in Olmütz). Alle diese Aktivitäten können natürlich nichts an der Tatsache ändern, dass die „Konfliktgemeinschaft“, wie der Historiker Jan Křen die Koexistenz von Tschechen und Deutschen in den historischen Ländern der böhmischen Krone nannte, seit Mitte des 20. Jahrhunderts Vergangenheit ist. Ihr geistiges und materielles Erbe jedoch beschäftigt uns nach wie vor und wird auch weitere Generationen beschäftigen, da es integraler Bestandteil der Geschichte des tschechischen Raumes ist.
/November 2010/