Pilotprojekt des Collegium Bohemicum

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Collegium Bohemicum

Grundgedanken des Projektes

Wer ist hier Zuhause?

Wir lebten und werden in Tschechien nie alleine leben.

Das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik war immer eine geografische „Kreuzung“, wo sich verschiedene ethnische Gruppen und Kulturen begegneten und miteinander Konflikte ausfochten. Es war seit der Steinzeit von Menschen besiedelt, über die wir nur das wissen, was die Archäologie herauszufinden vermag, später, in den Epochen, zu denen schon Textquellen existieren, siedelten in diesem Gebiet Kelten und germanische Stämme. Die slawischen Vorfahren der heutigen Tschechen, kamen erst in der Zeit der „Völkerwanderung“. Seit dem Mittelalter lebten in den böhmischen Ländern zu einem hohen Anteil auch Leute aus deutschsprachigen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches. Diese „unsere Deutschen“ teilten mit den Tschechen ungefähr acht Jahrhunderte lang den gemeinsamen Lebensraum, bis zur Aussiedlung des bedeutenden Teiles der Bevölkerung des Grenzgebietes in Folge der nationalsozialistischen Okkupation und des Zweiten Weltkrieges. Aber nicht einmal die Aussiedlung oder Vertreibung der Sudetendeutschen in den Jahren 1945/46 konnte die natürliche Völkerbewegung beenden. Heute lebt in Tschechien eine zahlenmäβig starke vietnamesische Minderheit und man kann erwarten, dass die Migration aus dem Ausland in der Zukunft die Struktur der Bevölkerung weiterhin abwechslungsreicher machen wird, wie es in allen hochentwickelten Ländern Europas der Fall ist.

Was bedeutet in der Geschichte das „WIR“?

Das Subjekt der nationalen Geschichte ist in der Zeit wechselhaftes Konstrukt.

Wenn wir uns über „unsere“ Geschichte in der Schule oder Zuhause reden, sprechen wir oft darüber, was in der Vergangenheit „ bei uns“, „mit uns“, „mit dem Volk“ oder „mit den Tschechen“ passierte. Wer sind aber dieses „wir“, „das Volk“, oder „die Tschechen“ in Laufe der Jahrhunderte? Ein näherer Blick auf die Geschichte zeigt uns, dass diese Begriffe den Änderungen unterlegen sind und in verschiedenen Epochen nicht das Gleiche bedeuteten. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war in Nationalgefühl zumeist nicht ausgeprägt Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, einem Stand oder einer Konfession war für den Einzelnen wichtiger. Den Beginn einer genaueren Unterscheidung zwischen Tschechen und Deutschen können wir zum Beispiel schon im 14. Jahrhundert in Dalimils Chronik finden oder hundert Jahre später in der Hussiten Epoche. Das moderne tschechische Volk entsteht aber erst im 19. Jahrhundert. An seiner Entstehungsgeschichte haben sich auch viele Leute beteiligt, die wir heute nicht für Tschechen halten würden (wie die Vorfahren von Jungmann, Tyrš und Fügner). Im 20. Jahrhundert verkomplizierten sich die Verhältnisse in der unabhängigen Tschechoslowakei weiter, in der die tschechische politische Elite und ein Teil der politischen Elite der Slowakei auf dem Konstrukt eines einheitlichen tschechoslowakischen Volkes bestanden, während ein anderer Teil der slowakischen Elite dieses ablehnte. Gleichzeitig orientierten sich die Sudetendeutschen neu: von der Loyalität zu Österreich über den Widerstand gegen die Entstehung der ČSR und eine begrenzte Zusammenarbeit mit der Regierung in Prag bis zum Zerbrechen des Staates in der Zusammenarbeit mit dem natioanlsozialistischen Deutschland. Jede geschichtliche Epoche zwingt uns gründlich darüber nachdenken, wen wir als Subjekt der Geschichte in diesem Raum betrachten, und hierbei nicht Deutsche oder Juden und weitere ethnische Gruppen ausschließen, für welche die tschechischen Länder eine Heimat waren oder sind. In diesem Sinn war die Beziehung der Tschechen zu den Deutschen nie etwas Äußeres, an die Beziehung zum „Reich“ geknüpft, in seinen verschiedenen geschichtlichen Epochen aber eine Inlandsbeziehung, also ein Teil der tschechischen Geschichte.

Wer sind „die Anderen“?

Wenn wir in einem gemeinsamen europäischen Raum mit denen zusammenleben wollen, die womöglich unsere Feinde waren, ist es nötig, unsere unvoreingenommene Aufmerksamkeit auch ihren Versionen des Verlaufs der Vergangenheit zu widmen.

Die Geschichte ist voll von Konflikten und nur in Einzelfällen können wir die Herkunft der Streitigkeiten nur auf der einen Seite suchen. Wenn wir zu einem vollen Verständnis der Vergangenheit gelangen, die Motivation der handelnden Kräfte verstehen und ein Dialog mit denen führen wollen, die möglicherweise unsere Gegner waren oder noch sind, mit denen wir aber im gemeinsamen europäischen Raum leben müssen, ist es nötig, dass wir nicht durchweg die Argumentation der „Gegenseite“ ablehnen und dass wir kritisch die Einstellungen dieser geschichtlichen Akteure erforschen, mit denen wir uns identifizieren oder mit denen wir sympathisieren („wir“/ „Tschechen“/ „unser Volk“ / „die Republik“). Ohne eine solche selbst bezogene Analyse könnten wir nicht einmal solche Phänomene in den zeitgenössischen tschechisch-deutschen Beziehungen verstehen, wie die Abstimmung der bayrischen CSU gegen den Eintritt Tschechiens in die Europäische Union oder die Forderungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, die der Tschechischen Regierung gestellt wurden. Warum die Sudetendeutschen über das Selbstbestimmungsrecht reden und warum sie sich bis heute an die Demonstrationen in den Grenzstädten im Jahr 1919 erinnern? Die Antworten auf solche Fragen sollte man in der Zeit suchen, von der hier die Rede ist, und es ist nötig, sich vom Blick zurück zu befreien, der alles durch einen a historischen Filter der späteren katastrophalen Ereignisse sieht. Dieser Zugang zeigt uns zum Beispiel, dass der tschechische Nationalismus rücksichtlos sein konnte und dass sogar die Erste Tschechoslowakische Republik kein Idealstaat war. Ein Zugang dieser Art hilft uns, sich von einseitigen und extremen Urteilen zu befreien und führt zu einer nüchternen, rationalen Beurteilung von Vergangenheit und Gegenwart.